Henning Scherf, Grau ist bunt - Was im Alter möglich ist.

Freiburg (Herder), 2006

Rezension von Dr. Edith Zeile

Bekannt wurde Henning Scherf, der 10 Jahre lang bis 2005 Bürgermeister von Bremen war, durch seine Alters-WG, was den Herderverlag veranlasste, von ihm eine Beschreibung dieser alternativen Lebensform zu erbitten.

Scherf kam dieser Bitte nach und fand für sein Buch den ebenso originellen wie positiven Titel: Grau ist bunt.

An einem Tag in Miami erlebte er das amerikanische Altenghetto als Schock. So wollte er nicht alt werden, die letzte Lebensphase als Urlauber im Ferienparadies vertrödeln. Von da an suchte er nach einem Modell.

Scherf berichtet vom Tod seiner Großmutter mitten in der Familie und macht sich Vorwürfe, dass er seine Mutter allein im Krankenhaus ließ, weil er politischen Pflichten nachkam, statt ihre Hand zu halten.

Gleichwohl sieht er, dass das Modell der Großfamilie ausgedient hat und die Familienstrukturen sich extrem verändert haben. An die Stelle der Blutsfamilie solle die Wahlfamilie treten. Fünf Jahre dauerte es, bis das richtige Wohnmodell und die richtigen Leute im Freundeskreis gefunden waren. Schließlich waren es drei Ehepaare und ein Single, die sich zu einer Wohngemeinschaft zusammenfanden, die ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Eigenständigkeit und Gemeinschaft anstrebt. 2 Personen haben inzwischen Abschied genommen. Sie wurden von den Frauen in der Gruppe gepflegt, die aber bereits darauf hinweisen, dass es ohne Hilfe von außen nicht mehr gehen wird. Ist das Projekt also gescheitert?

Nein., Henning Scherf ist zuversichtlich. Soziale Kontakte sind gerade im Alter so wichtig wie die Luft zum Atmen. Die Tage müssen strukturiert werden, und eine neue Kultur der Arbeit muss entwickelt werden. Der SPD-Politiker weist stolz darauf hin, dass bei den 60-90-jährigen die Quote der sozial Engagierten bei 37% liegt.

Der Kennedy-Satz, „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für das Land tun kannst“, gelte besonders für die Älteren.

Natürlich dürfe man die neue Freiheit auch für sich selber nutzen. Sport sei einfach wichtig, um sich gesund zu erhalten. Segeln und Radfahren sind Scherfs liebste Hobbies. Regelmäßiges Singen verlängere die Lebenszeit um 10-12 Jahre!

Im letzten Drittel seines Buches beschäftigt sich der Autor mit dem Zustand der Pflege in unserer Gesellschaft. Die jungen Alten zwischen 60 und 70 Jahren sind im Allgemeinen noch nicht auf Pflege angewiesen, aber danach lassen sich Verschleißerscheinungen nicht mehr aufhalten. Ist es das linke Ohr, das streikt, oder die Hüfte, die sich bemerkbar macht? Eines Tages muss man Hilfe annehmen. Damit ist eine schmerzhafte Hürde zu überwinden, der Übergang von Selbständigkeit zu Abhängigkeit.

Natürlich hat Scherf Recht, wenn er den allzu geringen Stellenwert der Pflege in unserer Gesellschaft bemängelt. Ca. 2 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Die Zahl wird um die Jahrhundertmitte exorbitant in die Höhe schnellen.

Scherf hat selber ein paar Tage in einer Alteneinrichtung beim Pflegedienst mitgemacht. Er bezeichnet es als „Schwerstarbeit mit einer hohen psychischen Belastung“ (S: 211).

Eigentlich steht er einer solchen Rundumbetreuung kritisch gegenüber. Er plädiert dafür, alte Menschen so lange zu fördern, solange dies möglich ist. Dazu müssten Hilfssysteme eingerichtet werden, die in Notfällen einspringen. Er schlägt vor, alte vereinsamte Menschen mit jungen Migranten zusammenzuführen, die sich gegenseitig fördern könnten, z.B. durch Sprachunterricht als Entgelt für die Pflege. Inzwischen gibt es ein weiteres interessantes Projekt: Alexander Künzel baut Dörfer, in denen alle allen helfen, soz. ein erweitertes Modell der Wahlfamilie.

Im letzten Kapitel kommt Scherf nicht darum herum., ein paar Worte über den Tod zu sagen. Man erfährt, dass er zwar Christ sei, aber nicht an ein Fortleben der Seele glaube. Er beneidet allerdings jene, die sich auf ein Danach freuten. Aktive Sterbehilfe wird diskutiert, aber abgelehnt.

Der Leser wird in diesem Buch sehr viele biographische Details finden und das leidenschaftliche Engagement des Autors, auch dem Alter Würde und Farbe zu geben, spüren. Es ist das authentische Werk eines klugen, den Menschen zugewandten Politikers, der die bittere Realität des Alters nicht ausblendet, aber auch keine echte Hilfe bietet, um sich mit dem Tod auszusöhnen.

Dennoch: Lesenswert für Junge und Alte.

© Edith Zeile, 16. 1. 2012